Jozo Brkić aus Sarajevo, gebürtiger Bosnier und Herzegowiner, Katholik und hochdekorierter Veteran der bosnisch-herzegowinischen Armee, der während des Krieges auch mit kroatischen Veteranen zusammenarbeitete, wandte sich an unser Portal. Als langjähriger Gast, der seit Jahrzehnten an der kroatischen Küste Urlaub macht – und dieses Jahr zum ersten Mal mit seiner Familie auf Korčula warnte –, sandte er einen offenen Brief an die kroatischen Medien. Darin warnt er vor der Schädlichkeit des geprägten Etiketts „Touristentomate“ und prangert die in der Öffentlichkeit herrschenden Doppelstandards an.
Mit allem gebührenden Respekt vor allen Bosniern und Herzegowinern übermitteln wir die Erfahrungen und Gedanken von Herrn Brkić:
Erinnerungen an die Adria, die man mit Geld nicht kaufen kann
Brkić betont, dass er Kroatien nicht nur als ein vorübergehendes Touristenziel sieht, sondern als einen wichtigen Teil seines eigenen Lebens, wo er seit seiner Kindheit Erinnerungen mit dem Duft des Meeres, der Pinien und des dalmatinischen Gesteins gesammelt hat.
Gerade aus Liebe zu dieser Küste und dem Wunsch, einen Raum für offene Gespräche in der Öffentlichkeit zu schaffen, beschloss er, auf den seit langem bestehenden Spott über Gäste zu reagieren, die ihr eigenes Essen mit an den Strand bringen.
Wie er betont, stört ihn Kritik an schlechtem oder unhöflichem Verhalten Einzelner nicht – unabhängig von deren Herkunft –, aber er ist zutiefst betroffen, wenn der Inhalt einer Strandtasche und der finanzielle Status zu einem kleinbürgerlichen Stereotyp über eine ganze Nation gemacht werden.
Gleiches Essen am Strand, aber andere Etiketten
Während seines Aufenthalts auf Korčula diesen Sommer wurde er Zeuge der Absurdität solcher Spaltungen. Er beobachtete, dass Familien aus der Herzegowina, die am Strand mit Tomaten, Brot und Pastete zu Mittag aßen, als völlig normal wahrgenommen wurden – als Menschen, die einfach nur aßen und ihren Urlaub genossen.
Wenn jedoch ein Bosnier genau dasselbe tut, wird er sofort verächtlich beschimpft. Diese Praxis führte ihn zu dem Schluss, dass das Problem gar nicht im Essen selbst liegt, sondern in der Wahrnehmung und Nationalität der Person, die es isst, denn Tomaten und Pastete haben keine Nationalität, und die Menschenwürde sollte es auch nicht haben.
„Beurteilt uns nicht nach Tomaten – beurteilt uns nach unserem Verhalten. Beurteilt uns nicht nach Argeta – beurteilt uns nach unserem Respekt vor dem Gastgeber. Wenn wir alle Etiketten, Nationalität, Religion und Geld beiseitelassen, bleibt nur eine Frage:
Was für ein Mensch bist du? “, so Jozo Brkić in einem eindringlichen Brief an unsere Redaktion.
Ein Tourist ist nicht nur eine wandelnde Geldbörse.
In dem Brief verweist der Autor auch auf den allgegenwärtigen Trend, den Wert eines Gastes allein an seinem Geldbeutel und der Höhe seiner Restaurantrechnung zu messen. Er hält es für verheerend für die Gesellschaft, wenn ein Mensch danach beurteilt wird, wie viele Euro er an einem Tag auf See ausgegeben hat.
Ein wohlhabender Tourist, der Chaos, Lärm und Arroganz hinterlässt, kann niemals ein besserer Gast sein als ein Mensch mit bescheideneren Mitteln, der den Gastgeber, den Kellner, die Umgebung und die lokalen Gepflogenheiten respektiert. Tourismus ist ein Geschäft, aber ein Tourist ist nicht nur ein wandelnder Geldbeutel, sondern ein Mensch mit eigenen Gewohnheiten, Familie und Würde.
Identität ist keine Lizenz, Geografie auszulöschen oder Krieg in Folklore zu verwandeln.
Ein besonderer Teil des offenen Briefes ist der Kultur des respektvollen Umgangs mit dem Gastland gewidmet. Brkić erinnert an das Treffen im Hotel von Korčula und das Gespräch mit jungen Leuten aus Mostar, die auf Verdienste aus der Kriegszeit und Begriffe wie „kroatisches Mostar“ Bezug nahmen. Er macht deutlich, dass Geografie und Fakten nicht zugunsten persönlicher Identitäten ausgelöscht werden dürfen.
Er betont, dass Mostar allen seinen Einwohnern gehört, genauso wie die Kriegstragödien des Vaterlandes nicht als billige Folklore und Mittel zur Steigerung des eigenen Egos missbraucht werden dürfen.
Ein Aufruf an Journalisten, für alle die gleichen Standards anzuwenden
Der Autor fordert von kroatischen Journalisten und Redakteuren weder eine Bevorzugung noch eine Rechtfertigung für Unordnung, sondern lediglich grundlegende professionelle Objektivität. Wenn ein Gast aus Bosnien und Herzegowina Müll wegwirft, Lärm macht oder das Personal schlecht behandelt, sollte darüber öffentlich und offen berichtet werden. Dasselbe gilt jedoch auch für Besucher aus Kroaten, Herzegowinern, Deutschen, Italienern oder anderen Ländern, die sich genauso verhalten.
Der Journalismus sollte sich in erster Linie mit der Frage befassen, was jemand getan hat, nicht mit der Frage, wer es getan hat, denn Vorurteile entstehen in dem Moment, in dem ein Individuum nicht mehr anhand seiner persönlichen Handlungen betrachtet wird, sondern auf ein kollektives Etikett reduziert wird.
Zum Abschluss seiner Rede ruft der Leser aus Sarajevo die Öffentlichkeit dazu auf, ihre eigenen Ansichten zu überdenken und zu grundlegenden menschlichen Werten zurückzukehren. Er betont, dass er weiterhin an die kroatische Küste reisen werde, weil er sie aufrichtig liebe, hebt aber hervor, dass wahre Liebe zu einem Land auch die Bereitschaft bedeute, Ungerechtigkeit anzuprangern. Anstatt die ausgegebenen Euros zu zählen und Strandtaschen zu begutachten, fragt er abschließend, ob unsere Gesellschaft nicht besser wäre, wenn wir endlich aufhörten zu fragen, woher jemand kommt, und stattdessen fragten, was für ein Mensch er ist.
Redaktion Land und Leute
Bild: zVg.




