Home Nautik Segelreise am Kvarner Golf

Segelreise am Kvarner Golf

24 min gelesen
0
Ein Beitrag von Herbert T. (andreas underworld)

Ich habe den grausamen schrillen Ton des Weckers verflucht. Wie immer, gerade im spannendsten Augenblick meiner Träume, unsanftund in jenem Moment herausgerissen zu werden, in dem es unmittelbar zur Sache geht und sich die Schönheit dir heiß und hemmungslos hingeben will. Es waren die Aussichten auf herrliches Wetter, tollen Wind und geile Segelmanöver die schlussendlich überhand genommen haben.

Raus aus dem Bett, denn spätestens um  04:45 Uhr wollten wir uns treffen und losfahren.

Einkäufe mussten verladen und Teile der Crew aufgesammelt werden. Einigermaßen pünktlich ging es dann endlich los.

Joe war der Erste, der bereits vor der Haustür auf uns gewartet hat. Herbert sen. unser Opa, war dann der Letzte unserer Runde der zugestiegen ist. Jetzt waren wir komplett. Nachdem schon vor einer Stunde im Radio eine Stauwarnung für den Karawankentunnel gemeldet wurde,  trat Plan B in Kraft – Loibl Pass!

Eine leichte Seekrankheit macht sich bei mir als Copilot breit. Ich hätte es nach einem Blick in Sonjas vor Entzückung glänzenden Augen ahnen müssen: Es war zu spät. Nicki Lauda hat seine Gegnerin gefunden. Windstärke 8 bei Bora ist ein Lüfterl zu Sonjas Kurventechnik.

45 Minuten Stau galt es zu umfahren. Der Loibel Pass war auch nicht gerade die erste Wahl. Dieser Umweg hat uns vermutlich mehr Zeit gekostet als im Stau zu stehen, aber alter Benzin musste verbraucht werden. Über die Autobahn ging’s dann nach Pula.

Drei und eine halbe Stunde sollte es lt. Routenplaner dauern. Fünf Stunden bei zwei Stopps sind es geworden.

Da stand sie nun unser Schiff. Die größte Segelyacht in der ACI Marina Pula. Die Marina liegt in traumhafter Lage unmittelbar unter dem römischen Amphitheater mitten im Zentrum von Pula.

Nur ein Speerwurf weit entfernt haben seinerzeit die Gladiatoren Kaiser Augustus unter dem Motto „Brot und Spiele“ zur allgemeinen Volksbelustigung gegen Löwen gekämpft. Zumindest wenn man Fachliteraturen wie „Asterix” und so…. Glauben schenken kann.

Wir lassen die  Sklaven weiterkämpfen und warteten bei Bier und Wein auf Achim, unser letztes Mitglied dieser Segelrunde.

Achim, angeblich 72 jährig aus Berlin sollte um 16:45 in Pula landen. Es lag sicherlich nicht an unserer Kommunikation aber aus 16:45 wurde 18:45 aus Pula wurde Veruda, aus Berlin wurde Wuppertal und aus 72 wurde 59 nur Achim blieb Achim.

Pula und die Bura

Nachdem das Auslaufen erst für Sonntag geplant war, machten wir uns noch einen schönen Abend. Es war dieses eine Glas Wein auf das ich hätte verzichten sollen. Aber nein, Mann ist hart zu sich und gönnt sich keine Schwäche.

Es kam wie es kommen musste, wir liefen erst am Montag aus. Nein nicht was du jetzt denkst. Es war die Bora die mit über 50 Knoten voll in den Hafen stand und unser Schiff beim Ablegen gegen das Marina Restaurant gedrückt hätte. Nun ja, wenigstens waren die Wege nicht weit.

Am Montag nach den letzten Einkäufen von frischem knusprigen Brot, Obst und Gemüse ging es endlich los.

Eine kurze Phase des Atemholens der Bora nutzten wir schamlos aus und legten ab. Pula im Schatten der Arena mit seinen netten Kaffees und kleinen Hafenkneipen lag nun hinter uns.

Nach dem Ablegen laufen wir unter Motor, einem 250 PS Diesel der mit ca. 800 Umdrehungen dahinschnurrt, vorbei an der aufgelassenen Fischfabrik aus der geschützten Bucht von Pula aus.

Es ging auf direktem Weg vorbei am Leuchtturm Porer mit Kurs 170 Grad und unter Segel über den Kvarner zur Nordspitze der Insel Unjie mit dem Ziel die Ankerbucht Maracol.

Wir werden von einer ständig schwächer werdenden Bora auf Halbwindkurs angetrieben. Bei 4,6 Knoten Speed genügend Zeit um die Seele baumeln zu lassen.

Es war der Verlust jeglichen Zeitgefühls. Es war auf alle Fälle schon sehr finster als wir in die Bucht Maracol auf der Rückseite des kleinen Ortes Unjie einliefen. Mitternacht war schon vorbei als der Anker fiel und die Carla sanft und gemütlich an der Kette zog und den Anker tiefer und tiefer in den sandigen Ankergrund eingrub.

Die erste Nacht vor Anker.

Ich vermute die Crew hat in dieser Nacht von Seejungfrauen und sonstigen Titanen der Meere geträumt.

Nein nicht die ganze Crew.

Es gab da eine die träumte wohl eher vom sterben oder so. Es dürfte sicher nur am Fisch gelegen sein und dass dieser nicht ganz in Ordnung gewesen war.

Ich will die Betreffende jetzt nicht verraten, aber unserer “Irma” geht’s schon wieder etwas besser.

Selbst der Insider Tipp “Marillenmarmelade” (schmeckt runter genauso wir rauf) konnte Ihr zu diesem Zeitpunkt keine Erleichterung verschaffen.

Baden, Schnorcheln und die Seele baumeln lassen.

Wir testeten die verschiedensten Manöverschlucks, konnten uns aber nicht einigen, ob Irmas selbstgemachte Erdbeer/Himberbrandgiftmischung mit eingelegten Früchten oder doch der Ramazzotti (Opas Favorit) das Rennen machen wird. Mir war’s ziemlich wurscht, beides schmeckte und Irmas Eingemachtes ging eh bald zu Neige. Und wieder ertönte der Ruf “Klar zum Manöver”.

Ein Traum aus Mahagoni, Teak und Eiche. 

Unser Schiff, die SY Carla ist ein wunderschöner älterer Zweimaster der erst vor wenigen Jahren mit sehr viel Geld und noch mehr Herzblut von Karin umgebaut wurde.

Zwei elektrisch zu bedienende Toiletten ganz in Marmor gehalten ersparte uns das Pumpen der sonst üblichen Pumpklos, zumindest wenn die Magnetventile wissen ob’s rein- oder rausgehen soll.

Ein Blick in die erleichterten oder vor Verzweiflung schreienden Gesichter der Crew wurde zumindest am Beginn unseres Törns als Indikator bezüglich des Eigenlebens dieser Ventile gesehen.

Der Vergleich mit den sonst von mir gecharterten Segelyachten hinkt natürlich etwas. Die Carla wurde einst für die Weltmeere gebaut. Drei Meter hohe Wellen durchpflügt sie ohne jeglichen Wackler.

Wir verlassen Unjie in Richtung Silba.

Vorbei an den wunderschönen bewaldeten Buchten und Eilanden von Vele Srakane und Losinj, durch den Kanal zwischen Ilovik und Sveti Petar in Richtung Silba.

Es waren die relativ wenigen Motorboote und Segelyachten die gemeinsam mit uns unterwegs waren, was mir sehr angenehm aufgefallen ist. Ich habe es mir für August viel schlimmer vorgestellt.

Uns trieb eine leichte Bora mit gut 5 Knoten Speed voran. Keine Spitzenwerte aber bei 45 Tonnen Eigengewicht und Segel noch aus Caligula’s Zeiten (scherzhafte Anmerkung) ließen uns ruhig dahingleiten. Es war Genuss pur!

Das anfängliche Weiß unserer Hautfarbe machte in der Zwischenzeit Platz für kräftig leuchtendes Rot. Achim wurde beim Schwimmen schon zweimal mit Festmacherbojen verwechselt. Beim letzten Bojenmanöver konnte er gerade noch den Kopf aus einer Festmacherschlinge ziehen.

Den einen Badetag vor der netten Ortschaft Silba hätten wir uns sparen können. Aber auch ein ruhiger Urlaub mit Erholungswert hat etwas für sich.

Die Unterwasserwelt vor Silba ist sauber aber lohnt nicht die Tauchermaske aus den unendlichen Tiefen der Backskiste heraus zu kramen.

Handgranaten, die einzig fängigen Fischköder!

Es war meine Idee ca. 70 Euro in ein sehr fängiges Hakensystem inkl. Köder zu investieren.

Die Crew hat bei mir für diesem Abend Fisch bestellt. Drachenkopf (Scorpaena) oder Knurrhahn wären optimal.

Alles kein Problem, man nehme die Angel und mein geniales neu erworbenes und 70 Euro teures Hakensystem. Als Köder natürlich nur das Beste vom besten, wie Glieder des im eigenem Sud eingelegten Ringelbandwurms (meine Finger stinken heute noch davon).

Wie soll ich es sagen „Filetti di Sgombro all Olio“ sind es geworden. Zwei Dosen davon.

Alternativ wurden wir In der Konoba “Mul’ hervorragend verköstigt. Steaks und Fisch vom feinsten. Nur die Calamari bzw. Sepia waren unserer Irma leider etwas zu groß und zu dickfleischig. Ihre Reklamation wurde jedoch nur von Poseidon wahrgenommen. Seine Strafe folgte natürlich auf dem Fuße.

Irma und die Rache Poseidons

Beim Tendern zurück aufs Schiff holte sich Poseidon sein Opfer.

Es war nur eine kurze Unaufmerksamkeit ihrerseits und die Erkenntnis, daß sich das mittlere achtere Körperorgan gesondert der Erdanziehung unterworfen hat.

Beinahe in Superzeitlupe verschwand ihr Körper im Hafenbecken von Silba.

Es waren die weit aufgerissenen Augen und der einhergehende verzweifelte Blick der mir in Erinnerung geblieben ist bevor sich die Fluten über Ihr schlossen.

Drei Tage frei, Seebegräbnis, 8 Glassen – der viermaliger Doppelschlag der Schiffsglocke waren, so glaube ich, die ersten Gedanken die mir durch den Kopf schossen.

Aber wieder nix mit feiern, Poseidon stellte sich sein Opfergaben vermutlich etwas anders vor. Irma war ihm vermutlich doch zu ….(nett) und somit tauchte Sie prustend und schimpfend wieder auf.

Der nachfolgende Rettungsversuch verlief reibungslos und ohne weitere Herausforderungen. Leider war in diesem Moment keine Filmcrew zur Stelle.

Meine neu gewonnenen Weisheiten für`s Lebens

Einen ganzen Tag faulenzen war angesagt.

Zurückgezogen unter herrlich großen Sonnensegeln mit frisch gekühltem Ottakringer ließ es sich recht gut aushalten. Die Zeit verrann wie im Fluge.

Schwimmen, Schnorcheln dazwischen Siesta halten. Genau so stelle ich es mir vor wenn ich mich einmal auf mein eigenes Schiff zurückziehen werde.

Von zwei braun gebrannten Mädels umsorgt, jeden Wunsch von den Augen ablesend streicheln sie mir durchs Haar, schützen und cremen meinen gestählten Body mit Sonnenschutzcremen  ein und dann…. genau dann bin ich wieder aufgewacht. Astrid hat mich gestoßen um ein kaltes Bier loszuwerden.

Weg sind sie meine zwei braungebrannten Schönheiten. Der Blick über meinen mehr oder eher weniger gestählten Körper brachte mich augenblicklich in die schmerzvolle Realität des Lebens zurück.

Na ja, dieses eine Bier noch und dann fange ich eh bald mit einem neuen Leben an. Es ist das 437ste – nein nicht gesamt – heuer.

Mali Losinj

Vorbei an malerischen Buchten und Ankerplätzen, umzäunt von Pinienwäldern und Buchten für die unsere Carla leider zu groß ist, geht’s hinein nach Mali Losinj.

Diese Bucht ist geschützt von Wind und Welle aus jeglicher Richtung und Anlaufpunkt für Touristenströme, die dem Rummel und dem Jet Set folgen. Das alles hat natürlich auch seinen Preis.

Kaltlächelnd übernimmt der Marinero von uns 210,- Euronen als Liegegebühr für eine Nacht – Wasser und Strom Inbegriffen. Duschen kostet natürlich extra.

Aber Mali Losinj ist geil. Da mussten wir hin. An allen Ecken und Enden der Stadt spielen Bands von Balkonen herunter. Die Stimmung ist riesig. Eisdielen wechseln sich mit Kaffeehäusern und Restaurants. Nur die Preise sind deutlich über österreichem Niveau. Nur 10 Schritte abseits des Zentrums z.B. in der “Skipper Bar” kostet der weiße Spritzer knapp um die zwei Euros direkt im Hafen hingegen 4,60. Eine unfreundliche Bedienung inkludiert.

Ein Abendessen in der Sunčana uvala der Citkat Bucht wurde kurzfristig umorganisiert und wir ließen uns beim ortsansässigen Fußballklub bei offenen Holzkohlengrill und dem einen oder anderen Liter Malvasia vom Fass nieder.

Schön langsam und bei einschlafendem NW-Wind ging es zurück über den Kvarner mit dem Ziel “SAFARI Bar” auf Kap Kamenjak”.

Vor 15 Jahren noch ein Geheimtipp ist dieses Eiland in der Zwischenzeit zum Ziel vieler Touristen geworden. Die Safari Bar verschlägt einen in den Urwald und der Steppe Südafrikas.

Das Ambiente und der Sangria sind unübertroffen.

Die Trennwände zwischen den einzelnen Sitzgruppen bestehen aus meter hohem Bambus, der Bodenbelag ist aus Stroh und das Interieur besteht vorwiegend aus zahlreichen Fundstücken und Treibgut aus dem Meer.

Jetzt Samstag – nach dem  letzten  Frühstück an Bord drehen wir schwimmend und im Wasser treibend die letzten Runden ums Schiff.

In wenigen Minuten wird es wieder heißen “Anker auf” und der letzte Abschnitt unserer Reise, die Rückkehr nach Pula wird in Angriff genommen.

Die letzten 14 SM tuckern wir mangels Wind unter Motor bei 32 Grad im Schatten (aber es kann ja nicht überall nur Schatten sein) in Richtung Hafen. Dies war die letzte Etappe dieser Reise.

Wir kommen wieder und immer wieder

Schon in wenigen Tagen geht es bei uns wieder los.

Dann wird es wieder heißen “Leinen los und immer der Sonne entgegen”.

Unsere nächsten Ziele sind:

im Mai/Juni und im September 2018 sind wir im Segelrevier Kornaten unterwegs,  im Oktober umrunden wir Mallorca. Mit einem anderen Schiff und einer anderen Route. Jedoch mit der gleichen Sehnsucht nach Meer und mindestens der gleichen Stimmung.

Ein Teil der Crew wird wieder dabei sein wenn wir uns z.B. auf die Suche nach Susak‘s berühmten Wein aufmachen. Ein weiterer Teil der Crew begleitet uns wiederum tiefer in den Süden durch die Kornaten oder Süddalmatien und unsere Irma wird sich vermutlich der Pharmaindustrie zur Verfügung stellen.

Resümee der Reise:

  • 128,5 Seemeilen unter dem Kiel (Kurs über Grund)
  • davon ca. 48 SM unter Segel
  • diesmal keine Delfinsichtungen
  • Sprittverbrauch – reichlich (bei 10 Lt/h und 5,5 Kt und über 40BRT)
  • Ausgaben aus der Bordkasse inkl. Komplettverpflegung ca. 280,- Euro p. Person
  • Schaden am Schiff – keiner
  • Schaden an der Crew – keiner
  • Seekrank – (fast) niemand
  • Leistung der Crew – hervorragend
  • Benehmen und Betragen der Crew – kein Kommentar

 

Euer Herbert

Skipper aus Leidenschaft

Alpe-Adria-Yacht-Club Segeltraum eV

Bild: Andreas Underworld.com

Mehr in Verbindung stehende Beiträge laden
Mehr laden von Norbert Rieger
Mehr laden in Nautik

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Überprüfen Sie auch

Bilder der Vergangenheit, Slavonski Brod 1994

Slavonski Brod 1994. Bilder die auch nachdenklich machen.  Ihre Redaktion Bild/Video: SB i…