Mit einem Offenen Brief an Entscheidungsträger in ihrer alten Heimat protestieren ehemalige Flüchtlinge des Bosnien-Kriegs aus aller Welt gegen die Hetze und die schlechte Behandlung, die Flüchtlinge in Bosnien erfahren haben. Unter ihnen sind Arbeiter, Pensionistinnen und prominente Künstler.

Allein in Bihać betreuen Freiwillige hunderte Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern. Die Helfer tun was sie können, aber die Zustände sind erbärmlich. Zudem haben bisher bosnische NGOs die Arbeit aus eigener Tasche finanziert, inklusive Lebensmittel für Flüchtlinge. Ihnen droht das Geld auszugehen und damit steht die Versorgung der Flüchtlinge auf dem Spiel. Andernorts campieren entlang der Grenze zu Kroatien Flüchtlinge in „wilden Lagern“. Die bosnischen Behörden haben es bis jetzt nicht geschafft, für alle Flüchtlinge eine einigermaßen funktionierende Versorgung sicherzustellen. Einzelne bosnische Politiker hetzen gegen die Geflüchteten, die Boulevardmedien kennen seit Monaten kaum ein anderes Thema und beschwören die angebliche Gefahr, die von Asylwerbern ausgeht.

Das fällt auf fruchtbaren Boden. In Sarajevo kursieren Geschichten über Flüchtlinge als Taschendiebe. In Bihać organisieren rechte Politiker eine Demonstration gegen Flüchtlinge.

Das lässt die nicht kalt, die vor 25 Jahren aus Bosnien geflohen sind. Etwa Fuada Haktić. Fuada ist 1993 aus Bosnien in die Schweiz geflohen. Ihre Tochter Amila war damals vier Monate alt. Dass beide leben, haben sie der Tatsache zu verdanken, dass die Schweiz sie damals aufgenommen hat, sagt Fuada. „Wenn ich die Nachrichten lese, wie Flüchtlinge in Bosnien behandelt werden, schäme ich mich, Bosnierin zu sein“.

Fuada und Amila erklären in Videos, warum sie gegen die bosnische Flüchtlingspolitik protestieren.

Sie haben mit Unterstützung des Blogs Balkan Stories und der KOSMO-Redaktion einen Offenen Brief formuliert, der auf Change.org unterzeichnet werden kann. Beide Medien hatten in den vergangenen Monaten zahlreiche Kommentare ehemaliger bosnischer Flüchtlinge erhalten, die eine Botschaft enthielten: „Hab ihr alles vergessen, was wir durchgemacht haben? Sollten nicht gerade Bosnier wissen, was es heißt, Flüchtling zu sein?“ Aus diesem Grund haben sich KOSMO, Kroatien-Nachrichten und Balkan Stories entschlossen, diesen Menschen eine Stimme zu geben.

In dem Schreiben erinnern die ehemaligen Flüchtlinge an ihr eigenes Schicksal – und vor allem daran, dass sie ihr Leben der Aufnahmebereitschaft anderer Länder zu verdanken haben. Und daran, dass ihnen diese neuen Ländern vielfach ermöglicht haben, ein neues Leben zu beginnen.

Wie die bosnische Politik und bosnische Medien heute Flüchtlinge, sei Verrat an diesen Erlebnissen. Und Verrat an der Tradition der bosnischen Gastfreundlichkeit, mit der unter anderem die sephardischen Juden aufgenommen worden seien, die aus Spanien vertrieben wurden.

Den Offenen Brief bosnischer Flüchtlinge gibt es hier in deutscher Übersetzung zum Nachlesen.

Unterschreibende und Unterstützer aus aller Welt
Nach Fuada und Amila war Aida Šehović eine der ersten Unterzeichnerinnen des Offenen Briefs. Die aus Bosnien stammende Künstlerin lebt heute in den USA. Ihr nomadisches Denkmal ŠTO TE NEMA für die Opfer des Völkermords von Srebrenica hat sie weltbekannt gemacht.

Unterschrieben hat auch Renato Čiča. Der aus Sarajevo geflohene Wiener engagiert sich in seinem Verein We HELP für Menschen mit Behinderung und für Flüchtlinge. Auch Denisa Husić hat den Offenen Brief unterzeichnet. Die Oberösterreicherin mit bosnischen Wurzeln engagiert sich für die SPÖ.

Weitere Unterschriften kommen von Exil-Bosnierinnen- und Bosniern aus Serbien, Deutschland, Slowenien.

Die Protestnote kann hier unterzeichnet werden.

Kosmo.at
Bild: Balkan Stories
Video: faz

 

 

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