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WENN DER KRIEG AM BALKAN IN DEN SCHULBÜCHERN WEITERGEHT

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Es sind mittlerweile mehr als 25 Jahre seit dem Krieg in Jugoslawien vergangen. Die Wunden sind allerdings noch lange nicht verheilt – viel schlimmer noch, wird tagein tagaus Salz in sie gestreut und Misstrauen und Hass unter den Jüngsten der Region gesät.

Geschichte gehört ohne Zweifel zu einem der wichtigsten Fächer im Bildungssystem, allerdings ist sie auch zweifelslos einer jener Unterrichtsgegenstände, welche sich perfekt für die Manipulation der jungen Generationen eignen.

Die Kriegsgeschehnisse in den ehemaligen Republiken Jugoslawiens sind auch ein Vierteljahrhundert später nur sehr partiell oder gar nicht aufgearbeitet. Weder offizielle Opferzahlen, Schuldfragen, oder ähnliches sind eindeutig objektiv bzw. wissenschaftlich behandelt und geklärt worden. Demnach ist es kein Wunder das Uneinigkeiten und Debatten zwischen den früheren Kriegsgegnern herrschen, welche sich auch in den Schulbüchern niederschlagen.

Schwarz-Weiß-Malerei
Alles wäre ja noch „gut“, wenn es sich bei jenen Uneinigkeiten um objektive und konstruktive Fragestellungen handeln würde, mit welchen die Schüler im Unterricht konfrontiert werden. Das ist jedoch nicht der Fall. Zumeist handelt es sich um reine Hetze und Schüren von Hass gegenüber dem Anderen: Kroaten gegen Serben, Serben gegen Bosnier, usw. – alle Variationen sind vertreten. Gezeichnet wird die Geschichte ausschließlich in Schwarz-Weiß, Grautöne werden komplett außer Acht gelassen.

„Es wird in Schulbüchern Unduldsamkeit und Hass geschürt”, resümierte der serbische Historiker Aleksandar Miletić.

Die Alleinschuld wird immer der anderen Partei zugewiesen und die grausamsten Verbrechen aus den eigenen Reihen als „Revancheaktionen einzelner Individuen“ abgetan. Unterm Strich haben alle ehemaligen Kriegsgegner eines gemeinsam: „‘Wir‘ waren die armen Angegriffenen und haben uns nur gegen ‚die Anderen‘ gewehrt.

Eine typische Opferrolle, welche alle Beteiligten bereits „wissenschaftlich und historisch nachgewiesen“ Jahrhunderte zurück innehaben.

Beispiele aus Schulbüchern
Währen die serbischen Kinder in der bosnisch-herzegowinischen Entität Republika Srpska Kyrillisch und Serbisch lernen und auch serbische Geschichtsbücher verwenden, lernen die Schüler der bosniakischen Parallelklassen ganz andere Inhalte:

„Serben haben Städte und Dörfer bombardiert, zerstört und Massenmorde, sowie Raubzüge begangen und die ansässige Bevölkerung vertrieben“, dies ist in einem bosniakischen Schulbuch für die achte Schulstufe zu lesen. Dies ist nur eines von vielen Beispielen, welche zeigen, dass Serben in Lehrbüchern für bosniakische und kroatische Schüler als ein Volk des Krieges und Genozids darstellt.

„Die Politiker verstehen nicht, dass für eine erfolgreiche Zukunft erst die Vergangenheit bewältigt werden muss“, warnt die serbische Menschenrechtlerin Natasa Kandić.

Nicht anders sieht es auf der serbischen Seite aus. Geschichtsschreiber lassen sich keine Möglichkeit entgehen, hässliche politische Propaganda zu betreiben. So wird, zum Beispiel, oftmals von „faschistischem kroatischen Nationalismus“ gesprochen, der während des Zweiten Weltkriegs die Vernichtung der Serben zum Ziel hatte. Hier ein Beispiel aus einem Schulbuch für das neunte Schuljahr, welches sich allerdings auf die Geschehnisse vor dem Ersten Weltkrieg bezieht:

„Gleich nach der Verübung des Attentats [von Sarajevo – Anm. d. Redaktion] rief die österreich-ungarische Regierung Kroaten und Muslime auf, alles Serbische zu zerstören. Kroatisches und muslimisches Gesindel demolierte nicht nur serbische Geschäfte und raubte sie aus, sondern zerstörte auch Familienhäuser.“ (Istorija za I. razred srednje škole, R. Pejić)

Den kroatischen Jünglingen wird wiederum eingebläut, dass die Selbstständigkeit ihres Staates eine Reaktion auf großserbische und „türkisch“ (osmanische) Bestrebungen sei, welche das kroatische Volk seit Jahrhunderten dulden musste. Dies macht sie zu ewig Unterdrückten, die durch die Geschichte hindurch für ihre Freiheit heroisch kämpfen mussten:

„In den dramatischen Momenten, während der schwersten Einfälle seitens der Türken in Bosnien-Herzegowina und Kroatien, haben die Kroaten unbeugsame und bemerkenswerte Geistesstärke bewiesen. Dank ihrer unzähligen Opfer wurde ein weiteres Vordringen der Türken in Europa verhindert. Für diese historischen Verdienste wurde ihnen von der Geschichte ein Ehrentitel verliehen: ‚Mauer des Christentums‘“, Auszug aus einem kroatischen Lehrbuch für den christlichen Glaubensunterricht.

„Schüler in Kroatien und Serbien lernen eine unhistorische und einseitige Position der Vergangenheit“, so der deutsche Journalist Thomas Brey für nTV.

Unaufgearbeitetes Gift für die Zukunft
Mit solchen und anderen Lehrbüchern bleiben viele Probleme der jüngsten Vergangenheit komplett unbearbeitet und viele der Geschehnisse falsch dargestellt

„Der Geschichtsunterricht wird von den Staaten nicht dafür verwendet, um bei den Schülern ein kritisches Bewusstsein bzw. Denken, sowie Multiperspektivität zu fördern und sie somit von der Anfälligkeit für geschichtliche Mythen zu befreien. Ganz im Gegenteil“, erklärte der Historiker und Journalist Dragan Markovina für „Telegram.hr“

So bekommen Tausende Vermisste und Hunderttausende gewaltsam Vertriebene das Etikett „freiwillig geflüchtet“. Von gestohlenen Kunstwerken bzw. anderen Gegenständen von historischem Wert, sowie Reparationszahlungen, Entschädigungen für verlorenes Eigentum und offenen Grenzfragen möchte zudem niemand etwas hören.

„Die Beziehungen zwischen Serben und Kroaten besitzen nicht die Voraussetzungen wie zwischen Franzosen und Deutschen nach dem 2. Weltkrieg, weil für ein Gespräch über die Opfer und Traumata fast kein einziger Schritt gemacht wurde”, war im kroatischen Magazin “Globus” zu lesen.

Ein Teufelskreis gegen den sich Historiker, Menschenrechtler und andere Fachleute bereits seit Jahren zu wehren versuchen – vergebens… (NR)

Quelle: KS
Bild: zVg.
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