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Weg zurück ins normale Leben?

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Jede Woche treffen sie sich auf einen Kaffee: der Wissenschaftler Dražen Vikić Topić und der ehemalige Obdachlose Mile Mrvalj. Meistens sprechen sie über die Vorbereitung humanitärer Aktionen. Diesmal unterhalten sie sich über die Ausstellung von Miles Fotografien am Institut Ruđer Bošković in Zagreb.

Inexistenz? – der Titel spiegelt das Schicksal von Obdachlosen wider. Dem Autor ist es wohl vertraut: Wenn man keinen Personalausweis mehr hat, hört man formell auf zu existieren.

“Es ist unmöglich, die Hilfe des Sozialamtes zu beanspruchen, sich arbeitssuchend zu melden, einen Anspruch auf Leistungen aus der Krankenversicherung zu haben, nicht einmal wählen kann man.”

Mile Mrvalj

Warum eine derartige Ausstellung gerade in einem renommierten Forschungsinstitut?

“Wissenschaft und Menschlichkeit sind eng verbunden. Wissenschaft ohne Menschlichkeit kann nicht funktionieren. Daher haben wir eine Verbindung zu Obdachlosen gesucht. Sie sind ein Teil unserer Gesellschaft, sie sind unsere Mitbürger.”

Prof. dr. sc. Dražen Vikić Topić, wissenschaftlicher Berater am Institut Ruđer Bošković

Das Problem der Obdachlosigkeit wird in Kroatien immer präsenter. Mehr als 80 Prozent von ihnen hatten früher einmal eine Familie, ein Haus und Arbeit, und sie hatten gesellschaftliches Ansehen. Durch Kreditschulden, Bürgschaften und Exekutionen haben sie alles verloren.

Mile arbeitete früher als Bühnenbildner im Theater in Sarajevo. Er hatte eine Familie und besaß eine eigene Kunstgalerie. Als er den Kredit für die Galerie nicht mehr bedienen konnte, nahm ihm die Bank die Wohnung weg. Er blieb allein, ohne alles.

Dreieinhalb Jahre hat er in Zagreber Ruinen gelebt. Er hörte aber nie auf, zu kämpfen. Es gelang ihm schließlich, einen Personalausweis zu bekommen. Das erste, was er tat, war, sich als Mitglied in einer öffentlichen Bücherei anzumelden.

Mit verschiedenen kleinen Aufträgen verdiente er bald so viel, dass er sich ein kleines Zimmer mieten konnte. Und wie das Schicksal es wollte, war das Zimmer unweit der Ruinen, in denen er als Obdachloser gehaust hatte.

Jetzt widmet er sich humanitären Aktionen. Er hält Vorträge an verschiedenen Schulen und Fakultäten und gründete den Verein Fajter, der sich für die Unterstützung von Bedürftigen einsetzt.

Vor nicht allzu langer Zeit war Zagreb Gastgeber einer internationalen Konferenz des Weltbibliotheksverbandes. Die Büchereien der Stadt Zagreb beteiligen sich seit Jahren am Projekt.

“Dieses Treffen war sehr wichtig, da es den Büchereien nicht bewusst ist, dass sie ihre Tür für Obdachlose offen halten sollen.”

Sanja Bunić, Leiterin des Projekts Mit einem Buch zum Dach überm Kopf

Teilgenommen haben Vertreter aus zehn Ländern. Gesprochen haben nicht nur Sozialarbeiter, Psychologen, Bibliothekare, sondern auch Mile Mrvalj. Nun beabsichtigt er, eine Zeitschrift für Obdachlose ins Leben zu rufen, Werkstätten einzurichten, die den Obdachlosen Arbeit bieten könnten, und den Druck auf die zuständigen Behörden zu erhöhen.

“Ich erzähle meine Lebensgeschichte; eine Geschichte über den Kampf, den Optimismus, die Kraft, aber auch über Menschen, die das Recht haben, als Menschen behandelt zu werden.”

Mile Mrvalj

 Seine Mission ist, so viele gestolperte Menschen wie möglich ins normale Leben zurück zu holen. Sein Motto lautet: Es ist keine Sünde zu stolpern, aber es ist eine Sünde, nicht zu versuchen, wieder aufzustehen. (NR)
BR-Presse/TV Kroatien- Nebojša Stijačić
Bild: BR
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