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Fernweh ist mein Heimweh

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Über ein zerrissenes Herz, dessen Heimweh fernab der Heimat liegt.

Fernweh ist mein ständiger Begleiter seit ich etwa neun Jahre alt war. Schon in der frühen Kindheit betrachtete ich mit einer unbeschreiblichen Sehnsucht die Urlaubsbilder meiner Patentante von ihren diversen Amerikareisen, von denen sie mir stets sehr aufregende Dinge mitzubringen pflegte. So zum Beispiel einmal selbst gesammelte Haifischzähne vom Strand, welche ich bis heute wie einen kleinen Schatz hüte. Mir wurde damals schnell bewusst, dass unsere wunderschöne Mutter Erde noch so vieles mehr zu bieten hat als ich bis dahin zu erahnen imstande war.

Für meine Generation kann ich behaupten, schon viel gereist zu sein und gesehen zu haben, dennoch bei weitem nicht genug. Für meine Begriffe. Mir schweben noch einige wenige Ziele vor, die ich schön fände, eines Tages noch erkunden zu dürfen. Ich vermute, dass es landschaftlich sogar noch reizvollere Orte auf unserem Planeten gibt als Kroatien. Ja, sicherlich. Die Welt hat gewiss noch mehr zu bieten als diesen kleinen, wenn auch traumhaften, k-förmigen Landstreifen.

Aber was soll ich sagen? Ich liebe dieses K von ganzem Herzen! Ja, sogar so sehr, dass ich meine anderweitigen Reisepläne bislang stets hintenanzustellen wusste, um lieber wieder in mein Kroatien zu kommen, das mir jede Sekunde, in der ich es nicht hautnah mit allen Sinnen spüre, schmerzlichst fehlt.

Ich bilde mir ein, ein Mensch zu sein, der gut allein sein kann, oder besser, seine Ich-Zeiten sehr genießt. Ich mag kein Camping, benutze gerne mein eigenes Badezimmer, bin überhaupt kein Gesellschaftsesser und absolut ungeeignet für Saunen oder WG’s. Ja, ich mag meine Freiheit und Rückzugsmöglichkeiten, wenngleich oder womöglich weil ich auch ein sehr offener Mensch mit zahlreichen sozialen Kontakten bin. Nun könnte man meinen, dann sei Kroatien aufgrund seiner gastfreundlichen und geselligen Menschen nicht das richtige Land für mich. Das Gegenteil ist der Fall. Dort gelingt es mir von Beginn an, mich problemlos in das gesellige Treiben einzufügen, ohne dass ich mich meiner Freiheit beraubt fühle. Ich empfinde mich dort freier als ich es je irgendwo anders gefühlt habe. Dieser unglaublich herzlichen Menschen sei Dank! Sie machen es mir leicht, mich fallen- und treibenzulassen, zu mir zu finden, entspannt zu sein, einfach ich selbst zu sein und allen voran, dazuzugehören. Ein Gefühl, das ich in meinem Heimatland Deutschland nur selten und dann begrenzt erlebt habe. Wir Deutsche sind einfach keine herzlichen Gastgeber, machen wir uns nichts vor. Hier ist man froh, nach einem Kaffeekränzchen seinen Besuch wieder los zu sein, die anstehenden Termine des folgenden Tages stets im Blick habend. Das Rad muss sich weiter drehen, während die Kroaten wie niemand sonst dazu in der Lage sind, die Zeit einfach mal anzuhalten und das Leben zu genießen. Und das nicht bloß zu vermeintlich besonderen Momenten, nein. Denn solche können sie gekonnt zu jeder Zeit selbst schaffen. Eine Lebenseinstellung, die uns Deutschen zur Abwechslung mal gut zu Gesicht stünde. Aber leichter gesagt, als getan. Ich weiß bis heute nicht, wie die Kroaten diesen Lebensstil konsequent zu verfolgen wissen. Ich vermute, sie sind im Denken nicht so blockiert und machen sich keine Probleme, wo eigentlich keine sind. Es dürfte eine reine Einstellungssache sein, an den klimatischen und landschaftlichen Bedingungen allein kann es nicht liegen, ist so mancher Deutscher in Kroatien nämlich ebenso missmutig wie hier. Es muss das Gemeinschaftsgefühl sein, welches ich persönlich in Deutschland noch nie, zu keiner Zeit erlebt habe. Letztlich nicht mal in Gruppen selben Interesses. Der Deutsche findet immer was zum Meckern. Da gibt es nichts dran zu meckern. Das ist so.

Ich weiß, auch die Kroaten sind nicht perfekt und bringen so einige, gerade für einen Deutschen, sehr nervige Macken mit sich. Und auch bin ich aus verschiedenen Gründen sehr wohl stolz darauf, Deutsche zu sein! Die Frage nach Heimatempfinden beantwortet sich jedoch stets im eigenen Herzen und in der Seele eines Menschen.

Das typische Heimweh, wie es andere oftmals verspüren, kenne ich gar nicht. Mir hat es noch nie Probleme bereitet, von Zuhause weg zu sein, im Gegenteil habe ich das eher als bereichernd empfunden. Ich wusste ja, in aller Regel kehrt man zurück in sein gewohntes Umfeld, alles beim alten und fertig. Auch hatte ich bis ich eine eigene Familie hatte, nie das Bedürfnis, meine Liebsten ununterbrochen um mich haben zu müssen, da ich wusste, man ist im Herzen beieinander. Ja, ich bin so ganz und gar nicht der Typ Mensch, der sich während eines Urlaubs nach Zuhause sehnt. Vor allem in Kroatien bricht es mir jedesmal  das Herz, wieder abreisen zu müssen. Ein furchtbarer Trennungsschmerz, den ich dann und nur dort verspüre. Ich schätze, es ist das Gefühl, was viele als Heimweh definieren würden.

Ich fühle mich zuhause in Kroatien. Angekommen. Trotz meines freiheitsliebenden Rückzugsdrangs, den einem die Kroaten sehr wohl ebenso zugestehen wie Zugehörigkeit zum engsten Kreise. Neben den atemberaubenden landschaftlichen und den wunderbar klimatischen Bedingungen Kroatiens, ist das Gefühl, das ich dort verspüre und nicht mehr missen möchte, der Hauptgrund dafür, dass Fernweh mein Heimweh ist.

Ein Blogbeitrag von Stimme Kroatiens/Internationales Programm des kroatischen Rundfunks/HRT
Erstveröffentlichung 13.09.2019
Bild: Privatarchiv/
 



						
						
					
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