Home Politik „DIE LÄNDER AM BALKAN KÖNNEN NUR MIT VEREINTEN KRÄFTEN FUNKTIONIEREN!“

„DIE LÄNDER AM BALKAN KÖNNEN NUR MIT VEREINTEN KRÄFTEN FUNKTIONIEREN!“

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Fast ein Jahrzehnt war er Abgeordneter zum Landtag von Niederösterreich. Seit 2017 ist er als Nachfolger von Elisabeth Köstinger Mitglied des Europa-Parlaments. Wir trafen Lukas Mandl (ÖVP) zum Interview und sprachen mit ihm über die bevorstehenden EU-Wahlen, die Relevanz von Integration & Bildung und die Rolle Südosteuropas…

Sie pflegen eine intensive Zusammenarbeit mit Südosteuropa – inwiefern äußert sich diese?
Lukas Mandl: Einer meiner Arbeitsschwerpunkte ist die EU-Nachbarschaftspolitik, hier besonders Südosteuropa. Die Staaten Südosteuropas sind die wichtigsten Nachbarstaaten der heutigen EU. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass Südosteuropa mitten in der EU liegt, von Mitgliedsstaaten umgeben ist. Außerdem leben dort viele junge Menschen, das Durchschnittsalter ist sehr niedrig. Deshalb hat die Region viele Chancen. Die Stabilität und Zukunft Südosteuropas ist für ganz Europa wichtig. Dabei geht es natürlich um den Kampf für Rechtsstaatlichkeit und gegen Korruption. Es geht aber nicht nur um Problemlösung, sondern auch um die Schaffung von Neuem; darum, wie sich die Region positiv entwickeln kann, die Tore zu einer hellen Zukunft zu eröffnen.

„Die Stabilität und Zukunft Südosteuropas ist für ganz Europa wichtig.“

– Lukas Mandl

Was ist erforderlich, um Südosteuropa Ihrer Meinung nach eine hellere Zukunft zu ermöglichen?
Die Staaten und Gesellschaften Südosteuropas müssten einander unterstützen, statt sich gegenseitig zu behindern. Diese gegenseitige Behinderung macht mich traurig. Es ist eine einzige Region mit rund 18 Millionen Menschen, eine Schicksalsgemeinschaft, die nur gemeinsam Erfolg haben kann, so wie im weiteren Sinn ganz Europa. Es geht um sechs Staaten, aber um eine gemeinsame Zukunft. Dass das Gegeneinander in der Vergangenheit und das Nebeneinander kontraproduktiv sind, wird jeden Tag deutlich. Die Zukunft Südosteuropas kann also nur ein Miteinander sein!

Klar braucht es Reisefreiheit für alle Südosteuropäer. Das ist auch wichtig dafür, Brücken in die Welt zu bauen. Das kann dabei helfen, die wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Land zu formen. Es ist unbedingt nötig, dass die Qualifikation durch Bildung, die in aller Welt erworben wird, dann auch zu Hause wirksam wird und dass die Talente aus Südosteuropa auch für ihre Region zum Einsatz kommen. Die Menschen haben alle Chancen, ihre Heimatländer aufzubauen und genau dabei möchte ich helfen.

Österreich war stets die treibende Kraft, die eine gute Beziehung zwischen Südosteuropa und der EU ermöglichte. In welchen Aspekten ist Österreich so wichtig für Südosteuropa?
Ich möchte helfen, aber ich möchte nicht überheblich sein. Das Wichtigste hierbei ist, dass die Zusammenarbeit auf Augenhöhe passiert. Es soll nicht von außen erklärt werden, wie Südosteuropa zu funktionieren hat.

Wir können nur die Türen öffnen, aber die Menschen aus Südosteuropa müssen selbst durch diese Türen gehen. Diese „Türöffnerfunktion“ liegt sowohl im Interesse der Menschen aus Südosteuropa als auch im Interesse ganz Europas. Vor allem die jüngere Generation in Südosteuropa muss durch diese Türen gehen. Die EU und Österreich können dabei helfen, durch wirtschaftliche Zusammenarbeit, aber einfach auch durch stabile menschliche Kontakte und Beziehungen.

„Man muss verstehen, dass man voneinander profitiert
und gemeinsam stärker ist.“

– Lukas Mandl

Das Erste, das wir teilen können, ist das Beispiel aus unserer Geschichte. Es gab in Westeuropa viele schlimme Konflikte durch ethnische, religiöse und nationale Trennlinien. Aber genauso können wir mit Beispielen aus der Vergangenheit zeigen, dass es viel sinnvoller war, sowohl wirtschaftlich als auch menschlich zusammenzuarbeiten, um gut miteinander zu leben. Und dieses Beispiel möchte ich mit Südosteuropa teilen. Über Jahrzehnte hinweg war der Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich viel schlimmer als der heutige Konflikt zwischen Serbien und dem Kosovo. Das heißt aber, dass eine gute Zukunft möglich ist. Wenn Deutschland und Frankreich Frieden schließen konnten und heute ein gutes Miteinander haben, dann können das auch Kosovo und Serbien. Man muss verstehen, dass man voneinander profitiert und gemeinsam stärker ist.

Sie sind in der Delegation für die Beziehungen zu Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo tätig. Welche Fortschritte haben Sie in Ihrer Arbeit bemerkt?
Was sich positiv entwickelt, ist die Einstellung der Menschen Europa gegenüber. Das gilt vor allem für Jugendliche, die sich zunehmend als Europäer betrachten. Die Gesprächsebene zwischen Serbien und dem Kosovo ist ebenfalls auf einem besseren Weg. Jedoch wird hier nach wie vor über die falschen Themen gesprochen. Man sollte die wirtschaftliche Zusammenarbeit, den freien Handel und die Organisation des Miteinanders thematisieren, statt darüber zu sprechen, was die einzelnen Staaten voneinander trennt. Daher hoffe ich, dass alle nationalen, religiösen und ethnischen Konflikte in der Vergangenheit gelassen werden und, man eine gemeinsame, positive Zukunft eingeht. Die Bereitschaft junger Menschen, mit Unternehmergeist etwas aufzubauen wird zu einer positiven Entwicklung beitragen.

EU-Kommissar Johannes Hahn sagte „Die EU möchte Stabilität exportieren, aber keine Konflikte importieren!“ – Inwiefern darf sich die EU einmischen, wenn zwei Nicht-EU-Staaten im Konflikt zueinander stehen? Hat die EU nur eine beratende Funktion bei der Konfliktlösung oder kann sie auch konkrete Maßnahmen ergreifen?
Für ganz Europa ist eine gute Nachbarschaftspolitik mit Südosteuropa wichtig. Genau das erklärt Kommissar Hahn mit seinem Zitat: Exportiert die EU keine Stabilität, dann werden wir gewissermaßen automatisch Instabilität importieren. Unsere Hilfe ist dabei nicht selbstlos, sondern es liegt im eigenen Interesse, dass wir zusammenarbeiten wollen. Die EU hat eine Vermittlungsrolle, eine Brückenbauerrolle sowie auch eine besipielgebende Rolle.

Integration in Österreich (Bildung und mehr)

Aus welchem Grund sind das Interesse der Jugend an der EU und auch die Wahlbeteiligung so gering?
Viele empfinden die EU als riesigen Apparat, bei dem gar nicht klar sei, was im Zuge der EU-Wahlen überhaupt bestimmt wird. Gewählt werden die Vertreterinnen und Vertreter der einzelnen Teile Europas in diesem großen gemeinsamen Parlament der europäischen Familie. Die EU-Wahl ist so wichtig, weil unsere EU-Abgeordneten unser Hebel sind, mit dem wir, die Menschen in Österreich, mitbestimmen, wohin sich die EU entwickelt. Somit entscheiden die Wählerinnen und Wähler, wen sie als geeignet empfinden, ihr Land zu repräsentieren. Die EU wirkt zwar unpersönlich, besteht letztlich aber aus echten Menschen, die uns als Bürgerinnen und Bürger in Form einer politischen Dienstleistung vertreten.

Inwiefern engagieren Sie sich in den Bereichen Bildung und Integration?
Mir ist ausgesprochen wichtig, dass Förderungen nicht nur in Universitäten, sondern viel mehr in Facharbeit, Lehre und Berufsschulen investiert werden. Das hilft nicht nur gegen Jugendarbeitslosigkeit, sondern macht unsere Kinder auch fit in Sachen Digitalisierung. Junge Leute aus Südosteuropa sind beispielsweise schon sehr stark in diesem Bereich. Vielleicht gelingt es ihnen sogar Südosteuropa irgendwann einmal zu einem Silicon Valley (US-Heimat zahlreicher weltweit tätiger Start-up-Firmen) Europas zu formen und dadurch auch die Wettbewerbsfähigkeit unseres Kontinents zu stärken. Immer mehr Unternehmen in der heutigen EU beauftragen junge IT-Profis aus Südosteuropa!

Außerdem bin ich der Meinung, dass alle Menschen Bildungsangebote nützen sollten. Denn Bildung ist das Einzige, das dir niemand wegnehmen kann. Für eine gelungene Integration ist ausschlaggebend, dass alle dieselbe Sprache sprechen. Das ist nicht alles, aber es ist die Voraussetzung für fast alles. Daher kann ich alle nur dazu einladen: Sprechen wir doch dieselbe Sprache in Österreich, dann können wir viele Missverständnisse vermeiden.

„Vielleicht gelingt es ihnen sogar Südosteuropa irgendwann einmal zu einem Silicon Valley Europas zu formen.“

– Lukas Mandl

EU-Wahlen am 26. Mai 2019

Was erwarten Sie sich von den kommenden EU-Wahlen? Was werden Österreichs und ihre persönlichen Hauptanliegen?
Ich hoffe, dass wir es schaffen es zu einem Hauptanliegen der Europäischen Union zu machen, die Außen-und Sicherheitspolitik – wozu auch die Nachbarschaftspolitik mit Südosteuropa zählt – zu verbessern. Nach außen hin muss Europa stärker werden. Europa entspricht sieben Prozent der Weltbevölkerung, schafft aber 23 Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Da wird wirklich viel beigetragen und trotzdem ist Europa als wirtschaftlicher Gigant gleichzeitig auch ein politischer Zwerg. Wir dürfen keine Schwächen zeigen in einer Welt, die von Konkurrenz geprägt ist. Und aus österreichischer Sicht möchte ich die Vermittlerrolle einbringen, da unser Land innerhalb der EU zwischen Ost- und Westeuropa vermitteln kann.

Wo liegen, ihrer Meinung nach, die größten Schwächen und wo die größten Stärken der EU?
Als größte Stärke würde ich die Art und Weise, wie heute in Europa Menschenwürde und Freiheitsrechte gelebt werden, hervorheben. Wir Europäer können selbstbewusst sein, weil wir einen positiven Beitrag zur Menschheit leisten. Wir beweisen, wie man im sozialen Frieden, im guten Miteinander, mit einer gemeinsamen Marktwirtschaft und im Wohlstand lebt, und alte Konflikte überwindet. Hier ist wirklich jeder Mensch gleich viel wert und diese Menschenwürde und unsere Freiheitsrechte müssen stets verteidigt werden.

„Europa droht zum Spielball anderer Mächte zu werden.
Das entspricht weder der Größe Europas noch dem Beitrag,
den Europa auf dieser Welt leisten könnte.“

– Lukas Mandl

Zu den Schwächen der EU zählen sicher der Bürokratismus und Zentralismus nach innen. Europa droht zum Spielball anderer Mächte zu werden. Daran müssen wir arbeiten, das müssen wir ändern. Denn das entspricht weder der Größe Europas noch dem Beitrag, den Europa auf dieser Welt leisten könnte.

Kosmo.at
Bild: Amel Topcagic

 

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